Auszug Diplomarbeit
Wege aus dem Stimmungstief – Möglichkeiten und Grenzen der Naturheilkunde
„Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat.“
(C.G. Jung zugeschrieben)
Der Zustand der Schwermütigkeit war seit jeher ein Thema von Dichtern und Geschichtsschreibern und wurde sogar schon in der Bibel beschrieben, was darauf schliessen lässt, dass es depressives Erleben wohl schon immer gegeben hat und zum Mensch-Sein gehört. Depression ist also keine neuzeitliche Thematik, nur deren Bezeichnung hat sich mehrmals geändert: in der Antike sprach man von „Melancholie“ (Schwarzgalligkeit), im Mittelalter von „Acedia“ ( Trägheit durch Säure) und die heutige Bezeichnung „Depression“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Niederdrückung“.
Die Depression ist mit ihrer lähmenden Schwere an sich ein natürlicher Schutzmechanismus, eine Art Totstellen, wenn Angriff oder Flucht nicht mehr möglich sind. Stress versetzt bekanntlich den Körper in Angriffs- oder Fluchtbereitschaft, dies erklärt auch den engen Zusammenhang von Dauerstress (→Burnout) und Depressionen.
Die Weltgesundheitsbehörde unterteilt heute nach Schweregrad und Verlauf der Depression in:
- Schwere, mittlere und leichte Depression: Die verschiedenen Symptome beeinträchtigen die Lebensqualität des Betroffenen mehr oder weniger schwer bis hin zur Arbeitsunfähigkeit und Todessehnsucht. Solche behindernde Episoden können ein oder mehrmals im Leben einer Person auftreten.
- Bipolare Depression = manische Depression: Zyklen von starker Niedergeschlagenheit und Euphorie wechseln dramatisch und oft in kurzem Zeitraum. Dies ist oft eine chronische Kondition.
- Dysthymia: Langzeit-Symptome mit chronischem Charakter, welche die betroffene Person zwar nicht funktionsunfähig machen, aber die Lebensfreude stark beeinträchtigen. Personen mit Dysthymia können ebenfalls Perioden von schweren Depressionen erleben.
- Saisonale Depression = Winterdepression: Kommt im Winter auf und verschwindet spurlos mit dem Hellerwerden der Tage.
- Vielen Frauen kennen zudem die hormonell bedingte zyklische Depression vor oder während der Menstruation sowie den „Babyblues“ nach der Geburt.
Dies zeigt bereits, dass es so was wie „die Depression“ gar nicht gibt. Auch ist es schwierig zu differenzieren, ab wann jemand als depressiv eingestuft werden muss, da der Übergang von melancholischer Stimmung zu Depression oft fliessend verläuft. Von einer Depression spricht man in der Regel, wenn mehrere der folgenden Merkmale über einen Zeitraum von mindestens 2 Wochen vorliegen:
- Gefühl von anhaltender Traurigkeit, Niedergeschlagenheit oder innerer Leere bis hin zur Gefühllosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Pessimismus
- Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Schlafstörungen und frühes Erwachen am Morgen
- Nervosität, Rastlosigkeit und Irritiertheit
- Appetitstörungen, häufig Gewichtsverlust (v.a. bei schweren Depressionen), seltener Gewichtszunahme (wird eher leichteren Depressionen zugeordnet)
- Schwierigkeit, sich zu Konzentrieren, zu Erinnern und Entscheidungen zu fällen, unaufhörlich kreisendes Gedankenkarussell mit Denkblockade
- Interessenlosigkeit an Dingen, die vorher Freude bereiteten
- Sexuelles Desinteresse
- Gedanken an Tod oder Selbstmord bis hin zum Selbstmordversuch
- Physische Symptome, welche trotz Behandlung nicht verschwinden
Früher unterschied man in exogene, also durch äussere Umstände ausgelöste, und endogene = aus dem eigenen Innern entstandene Depressionen. Heute weiss man dass bei allen Stimmungsschwankungen ein mehr oder weniger starkes biochemisches Ungleichgewicht im Gehirn vorherrscht, welches meist aufgrund mehrerer Faktoren ausgelöst wurde. Grundsätzlich kann jeder Mensch an einer Depression erkranken; wie anfällig ein Mensch für Depressionen ist, hängt stark von seiner genetischen Veranlagung sowie von seiner Biographie ab.
Stimmungsschwankungen sind normal und gleichen sich meist von selbst wieder aus. Zu Depressionen kann es allerdings kommen, wenn die Stimmungskurve die normale Bandbreite auf dem Stimmungsbarometer massiv und für längere Zeit unterschreitet. Das Ziel ist meiner Meinung nach – vor allem bei Menschen mit einer angeborenen Anfälligkeit – das Stimmungsbarometer nicht zu weit nach unten ausschlagen zu lassen und die Häufigkeit und Dauer einer Verstimmung mit Hilfe einer ausgewogenen Lebensweise und Erst-Hilfe-Massnahmen aus dem komplementärmedizinischen Bereich zu reduzieren. Bei leichteren Depressionen sollte es möglich sein, das biochemische Gleichgewicht durch geeignete komplementäre Methoden selbst wieder herzustellen und zu stabilisieren. Bei schweren oder länger andauernden Depressionen sollte aber zur genauen Abklärung der Ursachen unbedingt eine Fachperson aufgesucht werden. Wenn das biochemische Ungleichgewicht im Gehirn ein zu grosses Ausmass angenommen hat, mag eine Behandlung mit Antidepressiva unter Umständen notwendig sein, um überhaupt wieder auf ein Niveau zu kommen, wo der Betroffene selbst wieder aktiv am Heilungsprozess beteiligt sein und am eigentlichen Problem z.B. mithilfe von Psychotherapie arbeiten kann. Die komplementären Methoden können in diesen Fällen als Therapiebegleitung eingesetzt werden und vermindern nach der „Genesung“ und Absetzung der Antidepressiva die Risiken eines Rückfalls.
Naturheilkundliche Methoden haben alle zum Ziel, die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren und den Menschen wieder in seine Mitte zu bringen (Harmonie). Da Körper, Geist und Seele untrennbar miteinander verknüpft sind, spielt es meines Erachtens nach keine wesentliche Rolle, welchen Aspekt man zuerst zu pflegen beginnt – Hauptsache man wird aktiv!
ANREGUNGEN FÜR DAS AKUTE STIMMUNGSTIEF
Die folgenden Tips habe ich selbst im Laufe der Jahre zusammengetragen und ausprobiert. Sie sollen als Anregungen und Hoffnungsträger wirken und aufzeigen, dass man auch in einem akuten Stimmungstief noch sehr viel tun kann für sich selbst. Vielleicht ist im Moment zwar keine deutliche Besserung zu bemerken, aber nur schon die Tatsache, dass man aktiv seine Situation angeht, hilft, seine Selbstheilungskräfte anzukurbeln. Deshalb möchte ich hiermit dazu animieren, spielerisch auszuprobieren, was einem persönlich gut tut und eine eigene Liste für sich zu erstellen, die im benötigten Moment zur Hand genommen werden kann.
1. Früh Aufstehen! Nach ca. 6 Uhr morgens sinkt der Serotoninspiegel – je später man aufsteht, umso mehr erwacht man bereits in einem Tief.
2. Den Sonnenaufgang, nicht den Sonnenuntergang beobachten! Ersterer steht für den Neubeginn, der Sonnenuntergang für ein Ende, was traurige Gefühle nur noch verstärkt.
3. Sonne tanken: Sonnenlicht und Wärme fördern die Produktion der Antistress-Hormone Noradrenalin, Dopamin und Serotonin. Serotonin reguliert die Melatoninpro-duktion, welche für den Schlaf-Wachrhythmus zuständig ist. Bei Dunkelheit wird durch den Mangel an Serotonin vermehrt Melatonin ausgeschüttet, das den Körper auf die Schlafphase einstellen soll. In den dunklen Wintertagen macht sich das bei den meisten Menschen als Trägheit und Lustlosigkeit, bei manchen sogar als richtige „Winter-depression“ bemerkbar. Dagegen hilft: Ferien in einem sonnigen Land, falls das nicht geht, möglichst viel Zeit im Freien verbringen (auch Tageslicht an einem bewölkten Tag hilft), sich in hellen Räumen aufhalten und mit Solarium- und Saunabesuchen Wärme tanken. Bei starken Winterdepressionen kann die sogenannte Lichttherapie hilfreich sein, bei der Speziallampen mit weissem Spektrallicht von mind. 2.500 Lux eingesetzt werden (sollte allerdings unter ärztlicher Kontrolle durchgeführt werden!).
4. Für Tagesrhythmus sorgen! Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einem gut strukturierten Tagesrhythmus - regelmässige Essenszeiten, Schlafzeiten, Tagesabläufe etc. - weniger oft und weniger lang in eine Depression fallen. Die Struktur gibt den nötigen Halt und unterteilt den Tag in überblickbare Etappen.
5. Sportliche Betätigung: Erlaubt ist alles, was Spass macht und den Kreislauf anregt - von Jogging bis Tanzen – und damit hilft, sich aus der Lethargie zu befreien.
6. Selbstgespräche führen: Wann immer sich bei mir ein ungutes Gefühl einschleicht, nehme ich mir Zeit für ein lautes und ehrliches Zwiegespräch. Dieses Selbstgespräch ermöglicht es mir, mich mit meinem höheren Selbst zu verbinden und um Zusammenarbeit zu bitten. Kopf = Intellekt und Bauch = Intuition arbeiten so besser zusammen. Ausserdem hilft es, ein diffuses Problem, welches mir im Kopf herumschwirrt, durch die Ausformulierung klarer zu sehen (ähnlich wie bei einem Gespräch mit einer anderen Person).
7. Tagebuch schreiben: Auch hier geht es darum, diffuse Gedanken zu ordnen und seinen Gefühlen Luft zu machen, ohne dafür jemanden zu benötigen.
8. Achtsamkeit üben im Sprechen: Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der Sprechart und den Gefühlen. Mit einem durch den Atem bewusst harmonisch gestalteten Sprechrhythmus, einer positiven Formulierungsweise und einer aufgestellten Tonlage kann man seine Stimmungen in zweifacher Hinsicht positiv beeinflussen: 1. wirkt es wie eine positive Selbstsuggestion durch das eigene Gehör und 2. löst es positive Reaktionen von Mitmenschen aus. Keine Angst, für einen selbst mag es vielleicht künstlich tönen, aber anderen Menschen fällt das kaum auf.
9. Auf die Haltung achten! Eine niedergedrückte Haltung signalisiert nicht nur unserer Umwelt, dass wir uns niedergeschlagen fühlen, sondern auch uns selbst! Denn auch hier gibt es eine Wechselwirkung zwischen der physischen Haltung und dem Gefühl. Also beim nächsten Tief bewusst auf eine positive Körperhaltung achten; das gibt ein positiveres Gefühl und löst zudem positive Reaktionen bei den Mitmenschen aus.
10. Visualisation: Erinnerungen können positive Gefühle wieder hervorrufen. Ich stelle mir mit all meinen Sinnen einen Ort vor, wo ich genau das Gefühl hatte, das ich jetzt brauche oder haben möchte. Dabei erinnere ich mich möglichst genau an die Geräusche um mich herum, wie es roch, wie es sich anfühlte usw. Bei der zweiten Visualisations-variante stelle ich mir in allen Details die gewünschte Zukunft wie einen Film vor, denn: If you can dream it you can do it! (Walt Disney)
11. Sich öfters verwöhnen lassen: Sich ab und zu verwöhnen zu lassen, z.B. mit einer Massage- oder Kosmetikbehandlung, tut nicht nur körperlich gut, sondern signalisiert auch dem Unterbewusstsein: Ich bin es mir wert!
12. Sich täglich etwas Schönes vornehmen, wie z.B. Klavierspielen, ein interessantes Magazin lesen, ein Glas Wein geniessen oder was immer einem sonst Freude bereiten könnte. Da einem im Stimmungstief oftmals nichts einfällt, was einen erfreuen könnte, erstellt man am besten eine „Das macht mir Freude-Liste“, wenn’s einem gut geht und macht dann einfach etwas davon, wenn’s nicht so gut geht. Auch wenn man glaubt, sich gar nicht darüber freuen zu können – das Unterbewusstsein registriert die Bemühung trotzdem!
13. Antistressübungen: Die helfen, dass aus Stress keine Depression werden kann, z.B. Yoga, Tai Chi, Qui Gong etc.
14. Musik im Herztakt hören: Musik wirkt auf unser Unterbewusstsein und löst nachweislich körperliche Reaktionen aus durch die Ausschüttung von Hormonen. Musik, deren Rhythmus mit dem Herzrhythmus übereinstimmt, löst im Unterbewusstsein die Erinnerung an das Geborgenheitsgefühl aus, welches wir als Baby im Bauch der Mutter verspürt hatten. Aber nicht nur der Rhythmus spielt eine wichtige Rolle, sondern auch die Tonhöhe: Hohe Töne aktivieren, tiefere beruhigen eher. Am wirkungsvollsten bei Stimmungstiefs wirkt klassische Orchestermusik mit 65 bis 75 Schlägen pro Minute, wie z.B. Stücke von Bach oder Mozart – aber natürlich nur, wenn man klassische Musik mag, ansonsten einfach die eigene Lieblingsmusik hören!
15. Farbtherapie: Die Farben Gelb und Orange haben eine stimmungsaufhellende Wirkung auf die Psyche. Deshalb umgebe ich mich besonders an dunklen Tagen mit möglichst viel Gelb und Orange, trinke z.B. meinen Morgentee aus einer orangen oder gelben Tasse, koche rot/gelbes Gemüse, kaufe mir ab und zu gelbe Blumen und habe meine Wohnung mit gelb/orangen Accessoires dekoriert.
16. Aromatherapie: Der Riechnerv ist direkt mit dem Lymbischen System verbunden, welches zu den entwicklungsgeschichtlich ältesten Teilen des Gehirns zählt und für Instinkte, Gedächtnis und Gefühle zuständig ist. Es ist der einzige Nerv, der ungefiltert ins Gehirn leitet und daher direkter und unkontrollierter als alle anderen Sinne Einfluss nimmt auf unser Unterbewusstsein, unsere Gefühle und Erinnerungen. Duftimpulse lösen im Gehirn die Ausschüttung von Neurotransmittern aus, die mit dem Nervensystemen kommunizieren und dort je nachdem entspannend oder anregend wirken. Auf der seelischen Ebene arbeitet man in der Aromatherapie mit den Erinnerungen an positive Gefühle und versucht diese wieder wachzurufen und zu stärken.
Aufhellende Aromaöle sind u.a.: Bergamotte, Grapefruit, Limette, Mandarine/Tangerine, Orange, Geranie, Basilikum, Jasmin, Kiefer, Atlaszeder Lavendel, Lemongrass, Melisse, Myrrhe, Myrte, Neroli, Patchouli, Pfefferminze, Römische Kamille, Rose, Rosenholz, Rosmarin, Sandelholz, Schafgarbe, Thymian, Vetiver, Wacholder, Weihrauch, Ylang-Ylang, Zypresse.
Anwendungsbeispiel: Beruhigendes Bad: 10 Tropfen Lavendelöl in einen halben Becher Sahne geben (als Emulgator) und dem Bad ganz am Schluss beigeben.
17. Bachblüten für die Akutsituation: In der Akutsituation 4 Tropfen aus der Notfallmischung (enthält Star of Bethlehem, Rock Rose, Impatiens, Cherry Plum und Clematis) direkt auf die Zunge geben oder aus einem Wasserglas schluckweise trinken. Weitere Möglichkeit: 5 Tropfen davon in ein Vollbad geben. Habe ich im Moment ein Gefühl, welches sonst nicht mein vorherrschendes Thema ist und daher nicht in meiner täglichen Bachblütenmischung enthalten ist, dann nehme ich an diesem Tag die für diese Situation passende Blüte mit der Wasserglasmethode ein, z.B. Mustard bei unerklärlicher Melancholie, White Chestnut, wenn das Gedankenkarussell nicht abzustellen ist, oder Larch, wenn ich merke, dass ich mich unsicher fühle z.B. vor einem Vorstellungsgespräch.
Auszug aus meiner im Rahmen der Gesundheitsberater-Ausbildung an der ZEM geschriebenen Diplomarbeit „Wege aus dem Stimmungstief“. Weitergehende Informationen und Tipps erhalten Sie gerne in einem persönlichen Gespräch.
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Artikel erschienen in der vitaswiss Monatszeitschrift "bisch zwäg"
Das Chaos ermöglicht erst die Entwicklung
Viele Menschen wünschen sich Ordnung, Sicherheit und konstante Werte. Das einzig Sichere ist jedoch die Unsicherheit, die ein riesiges Potenzial an Möglichkeiten und Lösungen in sich birgt. Jedes System – auch der Mensch – gelangt immer wieder an Chaospunkte, um sich weiterentwickeln zu können.
Chaos ist vom Griechischen abgeleitet und bedeutet die Kluft oder der Abgrund . Chaos erhielt erst in der neue ren Umgangssprache die eher negative Bedeutung von Unordnung. Quantenphysikalisch gesehen und auch in der östlichen Gedankenwelt bedeutet Chaos das Nichts, die Leere oder das Ganze, aus dem alles Existierende hervorgeht. Die Chaostheorie wird geprägt von vier Themen: Attraktoren, Bifurkationen, Fraktalen und Iterationen.
Attraktoren – der Sog des Bekannten und Unbekannten
Attraktoren sind Anziehungsmechanismen, welche alle dynamischen, also lebendigen Systeme prägen. Es gibt kurzfristige Attraktoren wie Hunger oder Durst oder langfristig wirkende, die zum Beispiel unseren Lebensweg, unser Schicksal bestimmen. Wenn wir den Attraktor Hunger über längere Zeit ignorieren, wird unser System Körper mit Symptomen reagieren. Genauso verhält es sich mit den Attraktoren, die unseren Lebensweg bestimmen. Werden sie ignoriert, reagiert hier das System Mensch mit Krankheit.
Bifurkationen – Momente der Entscheidungen
Bifurkationen sind Gabelungen, Abzweigungen oder Haltepunkte, die immer dann entstehen, wenn neue Attraktoren ins Spiel kommen. Auch der Körper im System Mensch steht immer wieder vor Bifurkationen, dort zeigen sich die Auswirkungen in Gesundheit/Krankheit oder Zufriedenheit/Unzufriedenheit. Beispiele hierfür: Wir erhalten ein neues Jobangebot, ändern unsere Essgewohnheiten oder führen eine jährliche Fastenkur ein.
Fraktale – wie im Kleinen so im Grossen
Fraktale werden auch Selbstähnlichkeit genannt; die Struktur eines Teils eines Systems hat grosse Selbstähnlichkeit mit der Struktur des ganzen Systems. Eines der schönsten Beispiele für ein Fraktal ist der Farn: die kleinen Blätter, welche am Stiel sitzen, wiederspiegeln ziemlich genau die Form des ganzen Blattes, die wiederum weisen noch kleinere, sehr ähnlich strukturierte Blättchen auf. Somit sind Fraktale eine Form von Wiederholungen, wobei die Wiederholung nie eine exakte Abbild der Vorlage ist. Die ständige Wiederholung führt also unweigerlich zur Irregularität und schliesslich zu Chaos.
Iterationen – der Lauf der Dinge
Iterationen sind Wiederholungen. Jedes lebendige System besteht aus Wiederholungen von Mustern. Es ist im realen Leben nicht möglich, vollkommen identische Anfangsbedingungen zu schaffen und zwei Abläufe identisch zu gestalten. Es ergeben sich mit jeder Wiederholung Abweichungen, auch wenn sie nur geringfügig sind.
Wissen Sie noch, wie Sie zu Ihrem Lieblingsgericht fanden? Freunde kochten für Sie ein Essen, und es schmeckte so gut, dass Sie es unbedingt nachkochen wollten. Trotz Rezept und denselben Zutaten schmeckte es jetzt aber irgendwie anders, weil sowohl die Ausgangsprodukte (je nach Saison, Bezugsquelle, Bio usw.) als auch der Kochablauf (Stimmung, die zur Verfügung stehende Zeit usw.) nie identisch sein können.
Evolution bedingt Chaospunkte
Das Lernen oder die Evolution sind Beispiele, bei denen sich das System mit jeder Wiederholung etwas höher entwickelt und an Komplexität zunimmt. Jede Weiterentwicklung bedeutet also eine Zunahme der Komplexität, was wiederum die Anfälligkeit für ein Chaos erhöht. Somit steuert jedes evolutionäre Geschehen auf dieser Welt zu einem uns unbekannten Zeitpunkt auf einen Chaospunkt zu. Diese Chaospunkte führen idealerweise zu einem Entwicklungsschritt oder sogar zu einem Entwicklungssprung. Sehr eindrücklich ist dieser Prozess bei durchgemachten Kinderkrankheiten zu beobachten.
Chaos ist Normalität
Natürliche Systeme kennen drei verschiedene Zustände, die sich abwechseln: stabil und geordnet, instabil und ungeordnet (Chaos) sowie ein Übergangsstadium. Durch die ständig leicht veränderten Wiederholungen wird das System gereizt und provoziert, so dass es irgendwann zum Übergangsstadium kommt, um dann in einen instabilen Zustand zu kippen (der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt). Das Chaos hat begonnen – und nichts kann es mehr aufhalten. Aus dem Chaos wird nach einem Übergangsstadium wieder ein neuer stabiler Zustand, eine neue Ordnung geboren, und der Kreislauf beginnt von vorne. Man könnte somit das Chaos auch als das Normale betrachten, welches zeitweise zu Inseln der Stabilität führt, die mehr oder weniger lang Bestand haben.
Chaostheorie im Alltag
Was bedeutet das nun für unser alltägliches Leben? Die Chaostheorie erklärt ein universelles Prinzip: Jedes System, egal ob politischer, wirtschaftlicher oder beziehungsmässiger Natur, wird zwangsläufig immer wieder Chaospunkte erleben. Im Moment des Chaospunktes steht ein unglaubliches Potenzial an Möglichkeiten offen.
Nur das System Mensch lehnt sich mit seiner Angst vor Veränderungen gegen diese universelle Gesetzmässigkeit auf und versucht oft an der alten Ordnung festzuhalten oder sie wieder herzustellen mittels Wiederholung alter Verhaltensmuster. Aus oben genannten Gründen ist es jedoch unmöglich, in unserem Leben Stabilität durch Wiederholungen von bekannten Verhaltensweisen zu erreichen.
Chaos als Entwicklungschance
Dass Chaos auch lebensbereichernd sein kann, erkennen wir im Moment der Verliebtheit sehr schön. Die Gefühle sind ausser Kontrolle, man sieht die Welt von heute auf morgen mit anderen Augen, und das Leben hat einen neuen, aufregenden – eben chaotischen – Weg eingeschlagen. Wenn wir lernen, das Chaos als Chance zu sehen, verliert es an Bedrohung, und wir werden offen für wichtige Entwicklungen. Einem wirklichen Entwicklungsschritt gehen immer tief greifende Erfahrungen voraus, welche durch das Chaos ermöglicht werden.
Zum Glück kündigt sich ein Chaos immer durch vorgängige kleinere oder grössere Unruhen an. Somit muss ein Chaospunkt keine Überraschung sein, und wir haben jeweils die Möglichkeit, uns darauf vorzubereiten. Am besten versuchen wir, die alte Ordnung loszulassen, und verschwenden keine Energie damit, diese aufrechtzuerhalten. Der neuen Ordnung, die zum Zeitpunkt des Chaos noch nicht erkennbar ist, aber zwingend kommen wird, lassen wir idealerweise die Zeit, die sie braucht, um sich zu zeigen. Zusammen mit der nötigen Offenheit können wir dann das immense Potenzial an Möglichkeiten und Lösungsansätzen erkennen.
Authoren:
NaturheilpraktikerIn Jacqueline Hohermuth und Peter Fankhauser (Ungekürzter Artikel erschienen in der Zeitschrift vitaswiss, September 2004 http://www.vitaswiss.ch/?a=archiv-04-09-1) |
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